Reportage über die Verlegung der Stolpersteine

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Am 28. Juni 2011 wurde im Beisein der Klassen 9 cd, Evangelische Religion, von Herrn Schulleiter Wischert, Fr. Wagner und weiteren Kollegen der Stolperstein der Wolffskeel – Realschule für Frau Hella Hanauer am Rennwegerring 14 verlegt. Weil Hella Hanauer und ihr Mann Alfred Juden waren, wurden sie am 27. November 1941 ins KZ nach Riga / Jungernhof deportiert und dort getötet.

Die Anwesenheit von Angehörigen des Ehepaares Hanauer war ein außergewöhnliches Ereignis: Der Sohn John, heute 82 Jahre alt, war mit zehn Jahren von seinen Eltern mit dem Kindertransport nach England geschickt und dadurch gerettet worden. Zum ersten Mal seit 1939 kam er nun mit seinen Kindern, Enkeln und anderen Familienangehörigen an den Ort seiner Kindheit zurück. Sie sind extra aus Israel, Amerika und Holland angereist.

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Unser Stolperstein war zeitlich der zweite, der an diesem Tag verlegt wurde. Die Verlegung begann offiziell um 9:40, die direkten Vorbereitungen vor Ort begannen jedoch schon gegen 8:30, als Arbeiter der Stadt Würzburg mit schwerem Gerät den Asphaltgehweg für die Verlegung aufbrachen. Gegen 9:35 kamen die Familie und Zuschauer, die der Opfer des Nationalsozialistischen Regimes gedenken wollten. Kurze Zeit später kam auch der Künstler Gunter Demnig hinzu.

John Hanauer hält vor seinem früheren Elternhaus eine emotionale Rede in englischer Sprache. Man spürt, dass für ihn dieser Moment beinahe den Charakter einer Beerdigung hat, gibt es doch kein Grab und keinen anderen Ort der Erinnerung für seine Eltern. Zeitgleich beginnt Gunter Demnig mit der Verlegung der Steine. Nach Ende der bewegenden Rede von John Hanauer ergreifen seine Frau und sein Sohn David das Wort und ergänzen seine Aussagen. Herr Demnig verlegt währenddessen, nach außen seelenruhig wirkend, die beiden Steine. Schnell sind diese fest im Boden verankert. Nun treten wir mit unseren Plakaten nach vorn und verlesen die Biographie von Hella und Alfred Hanauer. Zu jedem Abschnitt legen wir eine Rose zu den Stolpersteinen. Am Schluss wendet sich Regina Wildt im Namen aller Schülerinnen und Schüler in englischer Sprache mit folgenden Worten an John Hanauer:

„Wir, die Schülerinnen und Schüler der Wolffskeel-Realschule wollen nicht einfach zusehen, wenn Menschen diskriminiert werden. Wir wollen gegen die Gleichgültigkeit protestieren. Wir wollen uns für das friedliche Zusammenleben einsetzen. Wir wollen eine Schule gegen Rassismus, eine Schule mit Courage sein. Sehr geehrter Herr Hanauer, als Zeichen für dieses Versprechen überreichen wir Ihnen diese Rose. Wir danken Ihnen.“

John und seine Frau legen diese Rose nieder. Nun folgt eine Rede von OB Rosenthal, in der er der Familie dankt und sein Mitgefühl zusichert. Ihm ist wichtig zu zeigen, dass Würzburg sich verändert hat und sich für eine Gesellschaft des Zusammenlebens einsetzt. Zum Schluss sind die Stolpersteine von mehreren roten Rosen umrahmt. Die Familie bleibt noch eine Zeit lang an diesem Ort stehen, sichtlich bewegt, bevor sie weiter zieht, um der Stolpersteinverlegung von Johns Onkel Felix beizuwohnen.

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Interviews mit John und Familie

Gegen 10:45 treffen wir uns mit den Hanauers im Novotel-Hotel um mit ihnen auf (fast) privater/freundschaftlicher Ebene zu sprechen. Die Fragen beziehen sich jedoch nur auf die Erinnerungen an seine Eltern und seine Zeit in England. Seine Schwiegertochter, Lehrerin in Israel, lobt uns im Anschluss und stellt erklärt, dass es für die Schüler in Israel selbstverständlich ist, von Überlebenden über den Holocaust zu erfahren. Sie bittet uns, uns dafür einzusetzen, dass auch in Deutschland diese Erinnerung nicht verloren geht.

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Dies ist nur eine Familie, die durch die Nazis zerrissen wurde. Wir können uns deshalb nur schleierhaft vorstellen, was für ein Leid durch die Nazis ausgelöst wurde. Doch wir können alle der Meinung unserer Mitschüler zustimmen: „Man fängt an, darüber nachzudenken, wie schrecklich und grausam die Zeit war. Durch die Erzählungen wird einem immer mehr klar, dass jeder von uns etwas tun kann und muss, um Rassismus zu stoppen und dazu beizutragen, dass sich so etwas nie mehr wiederholen wird“, „Ich fand es gut, dass Angehörige da waren, irgendwie hat das einem klar gemacht, dass das früher alles wirklich passiert ist, sonst wirkte das immer eher wie eine Geschichte, die sehr schlimm ist und sehr oft erzählt wird“.

Insgesamt töteten die Nazis etwa 6 Mio. Juden in den Konzentrationslagern. An sie wollen wir mit den Stolpersteinen erinnern.

 

Max Dorner, 9d