Ein Mörder besucht die Josef-Greising-Schule

Entsetzen bei manchen Schülern, als dies im Vorfeld des Besuches angekündigt wird. „Soll ich mich wohl erschießen lassen?“ – „Da gehe ich nicht hin!“ Aber sie gehen hin – jedenfalls so viele Klassen, wie der Mehrzweckraum fassen kann. Und dann erzählt Billy Moore in zwei aufeinander folgenden Vorträgen von seinem bewaffneten Raubüberfall, den er, 22jährig, in finanzieller Verzweiflung verübte und dabei den 77-jährigen Fred Stapleton tötete – ohne Absicht, im Alkohol- und Marihuana-Rausch, aber – wie er immer wieder betont: „Ich bin verantwortlich für den Tod dieses Mannes. Ich entschuldige nichts. Ich bin schuldig – und habe das auch der Polizei und dem Richter gesagt.“ Der Richter bedankt sich für die Ehrlichkeit – und verhängt die Todesstrafe. Der Verteidiger, der 9.000,-$ gekostet hat, sagt kein Wort dazu.

Zwei Monate später soll die Hinrichtung erfolgen, an einem Freitag zwischen 10:00 und 14:00 Uhr. Billy Moore sitzt in seiner Zelle und wartet, wartet auf seine Tötung. Aber niemand kommt. Niemand sagt irgendetwas. Endlich, am Montag erhält er einen Brief seines Anwalts: „Sorry, ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen, dass sie jetzt doch noch nicht hingerichtet werden.“ Ein anderes Gericht soll neu entscheiden.

Im Polizeibericht liest Billy Moore die Adressen der Familie des Opfers. Er schreibt ihnen. Er bittet um Verzeihung. Aber er glaubt nicht, dass sie das verzeihen können. Doch die Familie des Opfers schreibt zurück, verzeiht ihm, erzählt von ihrem Glauben an Jesus, und dass sie selbst keine Gefangenen von Wut und Bitterkeit sein wollen. Ein Pfarrer mit seiner Frau erklären ihm, dass Gott ihn trotz des Mordes liebt, dass Jesus auch für ihn gestorben ist und er innerlich frei werden kann, wenn er Jesus sein Leben anvertraut. Er, der von Gott und Glauben bis dahin keine Ahnung hatte, nimmt dies Angebot an und spürt zum ersten Mal tiefen inneren Frieden. Er liest in der Bibel, schreibt sich wöchentlich über Jahre mit der Familie des Opfers und lernt, dass er sich selbst vergeben darf – 6 Jahre nach der Tat.

16,5 Jahre sitzt er in der Todeszelle, mehr als zehn Hinrichtungstermine verstreichen, er kümmert sich um andere Gefangene, bringt ihnen Lesen und Schreiben bei und die Bibel, studiert Jura und Theologie. Er erlebt Demütigungen und psychische Folter, aber auch Menschen, die zu ihm halten, ihm schreiben, ihn besuchen. Und er erlebt Wunder: Ein Gericht, das schon zweimal seine Todesstrafe bestätigt hat, hat plötzlich Zweifel daran; ein Satz aus der Bibel gibt ihm die Gewissheit, dass er nicht sterben wird; ein anderes Gericht lässt sich von Mutter Teresa aus Kalkutta/Indien raten: „Handeln Sie wie Jesus: Zeigen Sie Gnade und Barmherzigkeit!“ und verwandelt die Todesstrafe in Lebenslänglich. Und durch der Einsatz der Familie des Opfers heißt es auf einmal: „Sie sind ein freier Mann.“ Er ist der einzige, der dies jemals in USA erlebt hat.

Der Pfarrer, der ihn zu Gott geführt hat, holt ihn vom Gefängnis ab und bringt ihn in einen Raum mit 400 Menschen. Er stellt Billy vor sie hin und sagt: „Billy, diese Menschen haben 16,5 Jahre lang für Dich gebetet. Und Ihr, schaut ihn an! Wer will jetzt noch sagen: Gott erhört keine Gebete?!“

Nach dem Vortrag stellen die Schüler Fragen über Fragen: Wie das Verbrechen geschah? Was gab es als Henkersmahlzeit? Was hat er gefühlt, als er merkte, dass er jemand getötet hat… Ruhig und konzentriert beantwortet Billy Moore jede Frage und man spürt ihm ab: Er ist ein Mensch, der Frieden gefunden hat – mit Gott, sich selbst und den Menschen. Und er will anderen helfen, setzt sich für sie ein. Der Mörder an der Schule – kein Monster aus dem Todestrakt, sondern ein Vorbild für wahre Menschlichkeit und Glauben.

Möglich wurde diese Begegnung durch Sant‘ Egidio e.V. in Würzburg, ein Verein, der sich einsetzt für Frieden (Friedensgebete in der Marienkapelle), für Kinder und Jugendliche (Schule des Friedens in der Zellerau), Menschen in Afrika u.v.a.m. Ein herzlicher Dank an die Mitarbeiter/innen!

Billy Moore und Franziska Müller