Geschichte im Koffer macht Geschichte greifbar

WIR FEIERN BAYERN ist das Motto des Jubiläumsjahres 2018. Dabei wird in zahlreichen Projekten und Veranstaltungen an zwei geschichtliche Ereignisse erinnert: Vor 100 Jahren wurde der Freistaat Bayern ausgerufen und seit 200 Jahren besitzt Bayern eine Verfassung. Auch eine Projektgruppe unserer Schule machte sich Gedanken zu den beiden Jubiläen – und näherte sich dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten mit einer außergewöhnlichen Methode.

Die Ausrufung des Freistaats Bayern

Die Geschichte des modernen bayerischen Staates wird ganz besonders geprägt durch Kurt Eisner, einen jüdischen Journalisten, der als bayerischer Vorsitzender der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei  Deutschlands (USPD) nach dem verlorenen Weltkrieg die Gunst der Stunde nutzte und in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 den „Freistaat Bayern“ ausrief. Bayern war jetzt „frei von Monarchie“, das heißt das Königshaus der Wittelsbacher war abgesetzt. Unter Eisners Vorsitz bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat, der ihn zum ersten bayerischen Ministerpräsidenten  wählte.

Beeindruckende Fotografie

Am 22. November 1918 fuhr Ministerpräsident Eisner in einem Automobil von München nach Berlin. Eine Fotografie zeigt den damals 51-Jährigen auf der Rückbank sitzend, bekleidet mit einem Mantel und einem schwarzen Hut, besonders gekennzeichnet durch seine typische runde Brille und seinen markanten Rauschebart.

Diese Fotografie beeindruckte fünf Schülerinnen und Schüler der Klasse 9c so sehr, dass sie sich Fragen über die Umstände der Fahrt stellten. Unter anderem wollten sie wissen, was Kurt Eisner in seinem Koffer transportiert haben könnte. Welche Gegenstände waren ihm wohl so wichtig, dass er sie immer bei sich haben wollte? Um diese Frage zu beantworten, holten sich die Schüler viele Informationen ein. Einerseits diente das Internet als Informationsquelle. Es wurde aber auch intensiv in Büchern geforscht, die aus der Stadtbücherei und der Universitätsbibliothek ausgeliehen wurden. Jeder Schüler bildete sich folglich zum Spezialisten für einen bestimmten Gegenstand fort, über den er berichtet. Damit erzählt er gleichzeitig einen Teil von Eisners Biografie.

Fünf prägende Gegenstände

Folgende Gegenstände befinden sich im Koffer und werden von den Schülern vorgestellt:

Kippa

Auch wenn Kurt Eisner dem liberalen Judentum angehörte und die Regeln und Riten seiner Glaubensgemeinschaft nicht streng befolgte, prägte ihn die Zugehörigkeit zu dieser Religionsgemeinschaft sein Leben lang. Werte wie Fortschrittsglauben, Toleranz und Menschlichkeit besaßen für ihn eine besondere Bedeutung.

 Familienbilder

Kurt Eisner wuchs in einer Großfamilie zusammen mit fünf Geschwistern auf. Sein Vater war Textilfabrikant, aber teilweise war das Geld so knapp, dass Kurt Eisner erahnen konnte, mit welch großen Problemen eine arme Arbeiterfamilie täglich kämpfen musste.

Der spätere bayerische Ministerpräsident war zwei Mal verheiratet. Mit seiner ersten Frau, einer Protestantin, hatte er fünf Kinder. Nach der Trennung war er mit Else Belli, der Tochter eines berühmten Sozialdemokraten, liiert.

Reiseschreibmaschine

Als Journalist besaß Kurt Eisner sicherlich eine Reiseschreibmaschine, mit deren Hilfe er unterwegs Artikel verfassen konnte. Nach seinem Abitur studierte er Philosophie und Germanistik. Er strebte aber, auch aus finanziellen Gründen, keine wissenschaftliche Laufbahn an, sondern arbeitete für verschiedene, der SPD nahestehende Zeitungen, z.B. den „Vorwärts“, der „Fränkischen Tagespost“ und der „Münchner Post“.

Gefängnistagebuch

Kurt Eisner saß vom 31. Januar bis zum 14. Oktober 1918 im Gefängnis München – Stadelheim. Er hatte sich zuvor am Munitionsarbeiterstreik beteiligt, bei der die Arbeiter die sofortige Beendigung des Weltkriegs forderten. Als einer der Rädelsführer des Streiks wurde er wegen Hochverrats angeklagt. Im Gefängnis führte er ein Tagebuch, in dem er seine Gedanken, Ziele und Wünsche festhielt.

Der Proklamationstext

Als Kurt Eisner im November 1918 den Freistaat Bayern ausrief, wandte er sich an die „Volksgenossen“, um ihnen mitzuteilen, dass der bayerische König abgesetzt sei und nun die Arbeiter- und Soldatenräte die Macht im Staat übernommen hätten. Eine endgültige Volksvertretung sollte jedoch noch gewählt werden.

In diesen Wahlen erfuhr Eisners Partei, die USPD, eine verheerende Niederlage. Am 21. Februar 1919 befand Eisner sich deshalb auf den Weg in den neugewählten Landtag, um seinen Rücktritt zu verkünden. Doch kam er dort nie an, da er auf dem Weg dorthin von einem rechtsgerichteten Studenten durch zwei Schüsse ermordet wurde.

 

Fazit der Beteiligten

„Durch die Methode ‚Geschichte im Koffer‘, so meint Schüler Jonas Warmuth, „wird Geschichte richtig greifbar“. Klassenkameradin Jana Deppisch ergänzt: „Es werden nicht nur Fakten aneinandergereiht, sondern es entwickelt sich ein lebendiges Bild von der Person. Wie bei einem Puzzle entsteht am Ende ein Gesamtbild, das sehr viel über Kurt Eisner preisgibt.“

Möglichkeit, ihr interessantes Projekt zu vorzustellen, haben die Schülerinnen und Schüler am Dienstag, 19. Juni 2018, wenn an der Grund- und Mittelstufe in Iphofen eine kooperative Projektpräsentation aller Schularten im Regierungsbezirk Unterfranken stattfindet. Außerdem planen sie eine Teilnahme am Schülerlandeswettbewerb „Erinnerungszeichen“.

Andreas Reuter